Eine Anekdote vom grauen Haar

Altern ist etwas für andere, etwas für Langweiler. Nicht für James Dean oder Kurt Cobain – oder für mich. Wobei, einen Nachteil hatte das mit Kurt Cobain schon. Er ist schon so lange tot.

Ich hingegen erfreue mich noch, naja bester – zumindest noch einer gewissen Gesundheit. Eigentlich ging es mir sogar total gut, bis ich heute Morgen vorm Spiegel stand.

Graue Haare – und Falten. Es ist nicht mehr zu leugnen. Ich habe graue Haare, nicht eines – das ist lächerlich sich darüber zu beschweren. Auch nicht dezent graue Schläfen, sehen je irgendwie sexy aus. Nein mein Kopf ist katzengrau und neben meinen schönen Lachfalten haben sich andere Furchen in mein Gesicht eingegraben.

Ja ja, Falten sind gelebtes Leben. So etwas kann man sagen, wenn man selber noch keine hat, oder so viele, dass es ohnehin nichts mehr ausmacht.

Hat Alt werden auch Vorteile?

Einen Latte Macchiato und eine Verabredung zum Joggen später, sitze ich in meinem Auto und mache mich auf den Weg zum Arbeitsplatz. Ich brauchte mich nicht zu beeilen, kann kommen, wann ich möchte. Die Gleitzeit und das Vertrauen meines Vorgesetzten habe ich mir erworben. In langen Jahren. Das ist ein gutes Gefühl.

Mein Auto fährt sicher und ich habe Sicherheit beim Fahren. Ein gutes Auto, Fahrpraxis und Ruhe. Neben mir trommelt ein junger Mann ganz aufgeregt auf dem Lenkrad seines fünfzehn Jahre alten Opels herum. Es war nicht alles gut – früher.

Wer nicht alt werden will, muss jung sterben. Das ist eine Binsenweisheit, die wir allzu schnell vergessen. Mein Blick im Rückspiegel zeigt die Welt hinter mir und ein Stück meines Haarschopfes, meines grauen Haarschopfes. Die Sonne bringt ihn zum Leuchten. Na und – will ich denken – soll mir doch egal sein. Dabei spüre ich auf mein Herz. Klopft es noch so regelmäßig und zuverlässig wie früher?

Die Besten sterben alt.

Am Abend spreche ich mit meiner Frau. Sie weiß gar nicht, ob sie graue Haare hat. Sie beruhigt mich, augenzwinkernd. Ich dürfte in Würde altern, zu Hause – durch ihre Pflege. Sie gibt mir einen Prospekt in die Hand. “Altern in Würde durch individuelle Pflege daheim” Die Besten sterben alt, hätte Johannes Heesters gesagt oder Helmut Schmidt!

Bildquelle: © Mark Stout – Fotolia.com

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